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Pfarrkirche zum Hl. Kreuz

Das Dorf Seis liegt in einer sich von Norden her neigenden Mulde zwischen dem Laranzer Wald im Westen, der Seiser Alm im Osten und dem im Süden steil zum Schlern ansteigenden Hauensteiner Wald.

Die erste urkundliche Nennung des Ortes mit der Bezeichnung „Siusis“ findet sich in einer Traditionsnotiz der Bischofskirche von Säben-Brixen, die zwischen 982 und 988 erstellt wurde. Sie belegt den Tausch von Kircheneinkünften, der von den Bischöfen Albuin von Brixen und Eticho von Augsburg vorgenommen wurde. Ein erstes Kirchengebäude, fiel im Jahr 1270, zusammen mit der alten Ansiedlung von Seis, einem gewaltigen Bergsturz zum Opfer und wurde von einer Mure verschüttet. Das älteste erhaltene Gotteshaus in Seis ist deshalb die 1657 geweihte Kirche Mariahilf im Dorfzentrum.

Mit der Eröffnung einer neuen Fahrstraße von Waidbruck nach Kastelruth und Seis, am 19. September 1887, und dem damit verbundenen aufstrebenden Fremdenverkehr, nahm die ursprünglich bäuerlich geprägte Siedlung rasch an Einwohnern zu. Der Bau einer größeren Kirche wurde nötig, und Mitte der 30er Jahre des 20. Jh.s in Angriff genommen. Die Pläne entwarf das zwischen 1906 und 1940 tätige Architekturbüro Amonn & Fingerle. Mit dem Bau des neuen Gotteshauses in Seis wurde im Jahre 1937 begonnen. Die Kriegs- und Nachkriegszeit hemmten jedoch den Baufortgang. Erst im Jahr 1950 konnte die Kirche zu Ehren des Heiligen Kreuzes geweiht werden, und auch nur, weil die Bewohner von Seis viele Arbeitsstunden beisteuerten.

Im Jahr 1974 wurde Seis am Schlern zur eigenständigen Pfarrei erhoben. Eine Neuanlage des Friedhofs führte dazu, dass ein neuer Dorfplatz entstand. Den Entwurf hierzu lieferte 1993 der Architekt Stefan Rabanser. Er ließ das Friedhofsareal nach Süden mit einer zinnenbewehrten Stützmauer befestigen, wodurch die gesamte Anlage von Friedhof und Pfarrkirche, von Süden aus betrachtet, den Eindruck einer Wehrkirche, einer „Gottesburg“ (Gruber) vermittelt. Unter der Federführung von Architekt Dr. Albert Torggler wurde im Jahr 2003 der Altarraum der Kirche umgestaltet, um das Kreuz stärker in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken, weshalb man den Hochaltar und die Seitenaltäre entfernte.

Mit ihrem steilen Satteldach scheint die Kirche die Silhouette des mächtigen Schlernmassivs aufzunehmen. Das Kirchenschiff ist mit der halbrunden Apsis nach Südosten ausgerichtet. Die Fassade an der Nordwestseite ist sehr schlicht gehalten. Das Portal samt einem Lünettenfenster sind durch ein rahmendes Wandfeld und einen abgewalmten Portalvorbau verbunden. Im Westen des Kirchengebäudes erhebt sich der Turm, der mit einer einfachen vierseitigen Spitzhaube abgeschlossen ist. Daran angebaut ist im Südwesten die mehrgeschossige Sakristei. Zum Bautenensemble von Kirche und Friedhofsanlage gehören ferner eine Kapelle in der Südostecke des Gottesackers sowie zwei Totenleuchten.

Beim Betreten der Kirche gelangt man unter das Emporenjoch, das sich mit drei flachen Bögen zum Hauptraum öffnet. Dieser Saalbau ist von einer den Raum dominierenden flachen Holztonne eingewölbt. Sie erinnert in ihrer Formgebung an einen umgedrehten Schiffsboden. Schlichte, anthrazitgrau gefasste Wandvorlagen und Konsolen bilden das Wiederlager für die Gewölbegurte, die das Langhaus in fünf Joche gliedern.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurde für Fenster und Wandnischen eine ovale Bogenform gewählt. Dies gilt auch für den Triumphbogen, der das Langhaus von der Apsis trennt. Die Apsis wird seitlich von zwei Fensterpaaren belichtet, wodurch sie deutlich mehr Lichtfülle besitzt, als das Langhaus, mit den großen Fensterbahnen im Osten, und den kleinen hoch sitzenden Rundfenstern an der Westseite.

Die Fenster wurden 1995 durch die in Kastelruth lebende Künstlerin Edith Rier gestaltet. Sie versinnbildlichen an der Ostseite die Bergpredigt sowie die Sakramente der Taufe, der Eucharistie und der Ehe. Die Fensterpaare in der Apsis zeigen im Osten Maria als Hilfe der Christen, im Westen Kreuz und Auferstehung.

Die Darstellungen in den vier Rundfenstern symbolisieren die Sakramente der Firmung, der Buße, der Krankensalbung und der Priesterweihe.

Im Zentrum der Apsis und damit im Brennpunkt des Kirchenraumes steht die Kreuzigungsgruppe von Rudolf Geisler-Moroder (1919–2001). Sie bekrönte einst den Altar, ehe dieser – im Zuge der Umgestaltung nach den Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils – vor dem Triumphbogen erbaut wurde. Hinterfangen wird die Darstellung des Gekreuzigten mit den Trauernden Maria und Johannes, von einem Gemälde des Brunecker Künstlers Albert Mellauner (geb. 1947). Durch dieses soll der Kreuzestod Jesu Christi vom Licht der Auferstehungshoffnung überstrahlt werden.

Die lebensgroßen Figuren in den Nischen der Triumphbogenwand schuf der Bildhauer Vinzenz Mussner aus St. Ulrich. Sie standen einst über den abgebauten Seitenaltären und zeigen Maria Immaculata mit der Betonung auf dem Herzen Mariens, sowie den Hl. Josef. Er ist mit dem Attribut seines Berufsstandes als Zimmermann mit einer Säge verbildlicht, was ihn gleichzeitig als Schutzpatron der Arbeiter kennzeichnet.

Der Tabernakel zeigt an der Vorderseite die Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern in Emmaus. Die Bronzereliefs schuf der Bildhauer Ernaldo Fozzer (1908–1995).

Der Volksaltar symbolisiert mit seiner Unterteilung in 12 senkrechte Abschnitte nicht nur die 12 Stämme Israels, die sich um den Tisch des Brotes versammeln, sondern auch die 12 Apostel. Die weit ausladenden Äste eines aus Kupfer getriebenen Baumes bilden das Dach, unter dem sich alle zusammenfinden. Der Ambo zeigt vorne drei aus Kupfer getriebene Ähren. Sie versinnbildlichen die Samenkörner des Wortes Gottes, die auf fruchtbaren Boden fallen. Die Kanzel befindet sich an der Westwand und ist über den Sakristeianbau zu erreichen.

In der östlichen Wandnische unter der Orgelempore fand der 1989 von dem Künstler Martin Rainer aus Brixen (1923–2012) geschaffene Taufbrunnen Aufstellung. Der aus Kupfer getriebene Kessel besitzt am Deckelknauf eine Darstellung vom Lamm Gottes, das aus Ausgangspunkt für die vier Paradiesflüsse bzw. die vier Ströme des Lebens dient. Die vier Fische am Deckelrand symbolisieren die Christenheit, die sich in diesen Flüssen nährt. Die Farbfassung der Wandnische schuf Albert Mellauner.

Als Gegenstück zur Taufe wurde in der Nische an der Westwand unter der Empore die Figur einer Schmerzensmutter (Pietà) aufgestellt. Die farbig gefasste Skulptur stammt noch aus dem 17. Jahrhundert, wohl als barocke Kopie eines gotischen Originals.

Die Kreuzwegstationen mit ihren feinen Reliefs stammen von Vinzenz Mussner aus Gröden und wurden 1961 zum Gedenken an Ewald und Klara Andresen (USA) von deren Kindern gestiftet. Eine neue Orgel erhielt die Pfarrkirche im Jahr 1993. Das zweimanualige Instrument mit 18 Registern wurde von Johann Pirchner aus Steinach/Tirol erbaut. Das Geläute des 42m hohen Turmes wurde 1962 von der Gießerei Grassmayr/Innsbruck gegossen und konnte am 18. November 1962 durch Weihbischof Heinrich Forer feierlich geweiht werden.

Eine schlichte Steintafel erinnert in Dankbarkeit an die Erbauer der Kirche, die drei Kuraten August Mussner, Franz Elsner und Paul Zambelli, die zwischen 1937 und 1968 die sicherlich nicht einfache Aufgabe meisterten.

Quelle: Die Kirchen und Kapellen der Pfarreien Kastelruth und Seis am Schlern. Kunstverlag Peda Gregor e.K., Passau. Peda-Kirchenführer 2021

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