Wallburgen - über 4000 Jahre alte frühgeschichtliche Siedlungen - am Laranzer Rücken sind Beleg dafür, dass die Umgebung von Seis schon seit jeher ob seiner bevorzugten Lage geschätzt worden ist. Kurz nach der Zeitenwende kamen die Römer in unser Land, das für sie nicht nur strategische Bedeutung hatte. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche romanische Hof- und Flurnamen, die heute noch in Gebrauch sind. Auch der Name Seis wird von Sprachforschern auf ein romanisches "sautsch" (lateinisch saltus, für Waldschlucht, Waldwiese) zurückgeführt, was der Lage des Dorfes am Ausgang der großen Waldschlucht zwischen Schlernmassiv und Seiser Alm entsprechen würde. Im 6. Jahrhundert drangen germanische Stämme von Norden her vor, vorwiegend Bajuwaren drängten das romanische Element zurück, es kam zur Germanisierung unseres Landes.
Urkundlich begegnet uns Seis erstmals im Jahr 982, als Ausstellungsort einer Urkunde ist die Ortschaft 1324 bekannt. War die Besiedelung im 14. Jahrhundert noch relativ dünn, so kam es ab dem 16. Jahrhundert zu einer bemerkenswerten Zunahme der Bevölkerung, ein eigenes Gotteshaus, die Maria-Hilf-Kirche, wurde im Jahre 1657 eingeweiht. 1840 bestand Seis aus 34 Häusern mit 236 Einwohnern, in der vorwiegend ländlichen Gegend konnte man noch nicht ahnen, welche Veränderungen die Eröffnung der Eisenbahnlinie über den Brenner im Jahr 1867 mit sich bringen sollte. Die Bahnlinie und die Fertigstellung der Straße brachten einen bis dahin nie gesehenen Zustrom von "Fremden" mit sich: bereits 1892 wurden in Seis 340 Gäste gezählt, gegenüber 113 im Jahr 1890. Eine Expresskutsche verkehrte täglich zwischen Waidbruck und Seis und brachte Erholungssuchende hierher, die vor allem die klimatischen Vorzüge - und wohl auch die landschaftliche Schönheit - der Gegend schätzten.
Drei Persönlichkeiten - aus völlig unterschiedlichen Zeiten und Bereichen - seien an dieser Stelle aber noch ganz besonders erwähnt, weil sie besonders enge Verbindungen zu Seis hatten.
Da ist einmal Oswald von Wolkenstein (1377-1445): Adeliger, Minnesänger, Politiker, Weltreisender, Diplomat, Raufbold, empfindsame Seele, Mann von Welt... eine durch und durch schillernde Persönlichkeit. Er war Herr auf Schloss Hauenstein, besaß einige zinspflichtige Höfe in der Gegend, eignete sich ein paar weitere einfach an, und setze in einem seiner Lieder - nach einem langen, wohl bitterkalten Winter in der rauchigen und zugigen Burg - dem Frühlingserwachen in Seis und Umgebung ein bleibendes literarisches Denkmal.
Johann Santner (1841-1912) war einer der besten Bergsteiger seiner Zeit. Er war es, der am 2. Juli 1880 zum ersten Mal die hochaufragende Felsenflamme vor dem Schlern zum ersten Mal bestieg. Viele weitere Erstbesteigungen, zahlreiche neue und kühne Routen haben Santner zu einem festen Begriff in der Pionierzeit des Bergsteigens gemacht. Obwohl er viel herum gekommen ist und vieles gesehen hat: sein "Lieblingsberg" war und blieb der Schlern. Hier hat er den Bau des Schlernhauses entscheidend mitgetragen, da hinauf soll er über 400 Mal gestiegen sein. Mit der Erstbesteigung der Santnerspitze hat er sich selbst und durch die Namensgebung die Nachwelt ihm ein unvergängliches Denkmal gesetzt.
Der Maler Willy Valier (1920-1968) hat seine Jugend und später entscheidende Arbeitsjahre in Seis verbracht. Als "typischer Gebirgsmensch" hat er über seine künstlerische Arbeit nie viele Worte gemacht. "Es ist nicht notwendig, Zeit zu verlieren, um ein Bild zu machen..." hat er wie beiläufig auf die Rückseite eines seiner Bilder gepinselt. Dieses kleine Zitat - eines der ganz wenigen belegten - charakterisiert Willy Valier in zweifacher Hinsicht: er hat die Provokation nicht unbedingt gesucht, aber auch nicht gescheut, und er war ein Künstler, dem es nicht auf ästhetischen Selbstzweck, sondern auf sehr starke Lebensnähe ankam. Der viel zu frühe Tod des Künstlers hat sein Schaffen unterbrochen, als er auf dem Sprung in die internationale Kunstszene war. Er hatte Erfolg, aber nicht die notwendige Zeit.