Eine der merkwürdigsten Kirchen weitum ist St. Vigil in einer bewaldeten Schlucht unter dem in der Archäologie berühmt gewordenen Runker Eck, mit dem sie vielleicht durch einen alten "Wasserkult" zusammenhängt.
Alljährlich entspringt etwa zwanzig Meter unter der Kirchenvorhalle, von einem Felsendach geschützt, eine Quelle, die nur wenig Wasser führt. Es handelt sich um eine intermittierende Quelle, die nicht ganzjährig fließt - ähnlich dem heiligen Wasser, das unter dem Altar von St. Medardus bei Tarsch im Vinschgau fließt, oder dem Quell, der nahe der Kirche zum hl. Johannes dem Täufer bei Freins, Pfarre Lajen, ober dem Sohlerhof aus der Erde in unregelmäßigen Schüttungen kommt (vgl. die Abhandlungen von Ing. Georg Innerebner im Jahrgang 1946 der Kulturzeitschrift "Der Schlern" über Brunnenheiligtümer in Südtirol).
Schon um 1353 ist die Kirche erwähnt; sie ist dem hl. Vigilius, dem Patron der Diözese Trient geweiht. Die Wahl dieses Heiligen, der jetzt zusammen mit dem hl. Kassian Mitpatron der Diözese Brixen-Bozen. ist, könnte aus zwei Gründen erfolgt sein: zum einen, weil die Quelle unterhalb der Kirche gerade um den 26. Juni, dem Festtag des hl. Bischofs, zu fließen beginnt; zum anderen, weil ehemals der nahe Bach eine Diözesangrenze bildete. Man hat sehr oft in unserer Heimat besitzanzeigende Kirchen den Diözesanheiligen geweiht, so etwa St. Ingenuin und Albuin in Saubach bei Barbian, St. Vigilius in den Feldern bei Morter, dem Salzburger Bischof St. Rupert in Spinges und Dorf Tirol, den Schutzpatronen von Aquileia, Hermagoras und Fortunatus, in Albeins u. a. m.
Nicht auszuschließen ist aber auch ein Zusammenhang mit dem prominenten Kultplatz des Runker Ecks nur einige hundert Meter oberhalb der Kirche auf dem Felsenhügel: Nach den Opferriten waren - wie in vielen alten Religionen - Waschungen vorgeschrieben, die vielleicht mit dem Wasser des kleinen Höhlenbrunnens vorgenommen wurden. Noch heute führt ein alter gepflasterter Weg von der Schlucht hinauf zum "Höhenheiligtum".
Der heutige Kirchenbau ist ein Neubau des 15. Jahrhunderts. Laut einer Sage soll die alte Kirche durch einen Bergsturz zerstört worden sein. Der an sich kleine Bau zeigt aber alle Merkmale eines qualitätvollen, stilistisch reinen spätgotischen Kirchengebäudes, was auf hohe und reiche Stifter sch1ießen lässt. Die Wappen der Herren von Wolkenstein und des Gerichtes Zwingenstein vom Ritten auf Wandkonsolen könnten einen Hinweis geben. Sogar das Werkzeichen des Baumeisters ist als drittes Wappen erhalten. Der Bau zeigt außen eine feingearbeitete Sockelschräge, ein Dachgesims, eine Spitzbogentüre im Westen unter einer Vorhalle für die Pilger und Beter, vier Spitzbogenfenster und zierliches Maßwerk am Turm.
Nahe dem heutigen nördlichen Zugang zur Kirchenvorhalle ist an der Mauerecke eine virtuos gemeiße1te Fratze zu sehen, wohl das Abbild eines Wilden Mannes (in der ladinischen Sprache, die lange auf der Kastelruther und Seiser Hochfläche im Gebrauch war, heißen diese sagenhaften Gestalten "salvans", hier diente der gebannte Unhold als Abwehrzeichen)
Das Prunkstück der Kirche ist der Flügelaltar mit dem Schrein, dem zierlichen Gesprenge und der einteiligen Predella, dem Unterbau für den Altaraufbau. Der gemauerte Steinaltar ("stipes") stammt noch aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, die Verkleidung geht auf die Rekonstruktion des vorigen Jahrhunderts zurück, als der kunstsinnige Dekan von Kastelruth, Alois Bamhackl aus Girlan (1826-1889) um 1872 den Flügelaltar aufstellen ließ. Unter drei Giebeln mit strengem Maßwerk stehen die Figuren des Kirchenpatrons St. Vigilius, der Gottesmutter Maria mit dem Jesukind und der hl. Nikolaus. Am linken Flügel (vom Betrachter aus gesehen) ist St. Blasius zu sehen, auf dem rechten Flügel die hl. Katharina von Alexandrien. Der hl. Vigilius trägt neben dem Bischofsstab in der Rechten ein aufgeschlagenes Buch in der linken Hand, auf dem ein Holzschuh ais Attribut liegt: Laut Legende soll der Heilige bei der Missionstätigkeit im Rendenatal bei Trient von aufgehetzten Heiden mit Holzpantinen (mundartlich "Knoschpen") erschlagen worden sein. Das Fest wird am zweiten Sonntag nach Ostern gefeiert, dem Tag der Diözesanpatrone Kassian und Vigilius. An diesem Tag ist Patroziniumsmesse in der Kirche, zu der viele Gläubige kommen, der Kirchenchor feierlich die Messe mit Gesang begleitet und später dann einige Mitglieder der Musikkapelle - die Böhmische - aufspielen.
Beim Eingang steht in einer Nische die kleine Holzfigur des Kirchenpatrons, zu dessen Füßen Geld geopfert wird. Es ist dies ein alter Brauch, der auch am 14. Februar bei St. Valentin ob Seis gepflegt wird.
Der hl. Nikolaus ist uns wegen seiner drei Goldkugeln bekannt, die er auf dem Buch trägt: Sie waren die Mitgift für drei Mädchen, damit sie standesgemäß heiraten konnten und nicht den Weg der Sünde beschreiten mussten (Fest 6. Dezember).
Der hl. Blasius (Fest 3. Februar) gehört zu den vierzehn Nothelfern. Weil er einem Buben, der sich an einer Fischgräte verschluckt hatte und zu ersticken drohte, durch seinen Segen das Leben rettete, wird er als Schutzpatron gegen Halskrankheiten angerufen. An seinem Festtag finden in allen Kirchen feierliche Gottesdienste statt, bei denen mit zwei gekreuzten brennenden Kerzen der "Blasiussegen" erteilt wird.
Das Gegenstück ist die Relieffigur der hl. Katharina von Alexandrien (Fest 25. November), deren Erkennungszeichen das Schwert ihres Martyriums samt dem Rad - hier verloren gegangen sind. Beide Flügel hat laut Angaben von Konservator Carl Atz (1905) der Dekan Alois Bamhackl von einem Altar aus Tisens genommen und ließ sie vom Bozener Restaurator und Schnitzer Oswald Haslwanter dem Schrein von St. Vigil hinzufügen. Der ganze Altar wirkt durch die vorzügliche Farb- und Goldfassung von 1872 sehr kostbar und einheitlich, wenngleich die Muttergottesstatue, der Schrein selbst und das zierliche Gesprenge mit der Kreuzigungsgruppe neugotische Werke sind. Aus der Zeit der späten Gotik um 1500 stammt die Gruppe der Geburt Christi im Sockel (Predella) des Altares.
Der Seitenaltar mit einem Vesperbild (Maria hält ihren toten Sohn Jesus auf dem Schoß) sowie mit der hl. Ottilia und der hl. Elisabeth von Thüringen geht in seinen feinen, filigranen Formen auf einen Entwurf des als Kunstpapst bekannten Pfarrers und Konservators Carl Atz aus Terlan zurück.
Die hl. Ottilia, eine blind geborene Prinzessin aus dem Elsaß, wurde bei der Taufe durch den hl. Bischof Erhard sehend. In Südtirols Diözese sind ihr einige Kirchen geweiht und Bildwerke gewidmet, weil die Menschen im Mittelalter und bis in die neuere Zeit wegen der Rauchkucheln viele Augenleiden hatten; bei solchen wurde die hl. Ottilia angerufen. Ihr Fest am 13. Dezember - zusammen mit der hl. Luzia ist ein beliebter Bauernfeiertag. Die hl. Elisabeth von Thüringen (Fest 19. November) ist als Wohltäterin der Armen auf der Wartburg bekannt geworden. Nach ihrem Tod (1231) als 24jährige Witwe wurde sie bald heiliggesprochen. Ihre Reliquien ruhen im herrlichen Dom zu Marburg an der Lahn; sie ist Patronin des Deutschen Ritterordens.
Später als die Kirche selbst ist der gekreuzigte Christus entstanden, der frei im Kirchenschiff steht. Er atmet bereits den Geist der Reformation und scheint mit dem wehenden Hüfttuch die aufgeregten Jahre von Luthers Reden und Wirken anzudeuten.
Vor fast zwanzig Jahren wurde die Kirche restauriert. Größter Gewinn für das äußerliche Bild war die Entfernung des Blechdaches vom Turm, das durch Lärchenschindeln ersetzt wurde. Im Inneren wurde (nach Anlage eines Entfeuchtungsgrabens rund um das Bauwerk) das Gewölbe gereinigt und mit Kalk getüncht. Die Kirche präsentiert sich wieder als ein schönes Kunstwerk und Zeugnis der Frömmigkeit von Dorf und Fraktion. Seit 1991 besitzt sie ein elektrisches Geläute mit drei Glocken zu Ehren von St. Vigilius, St. Kassian und der Mutter Gottes.