St. Valentin ob Seis

Alljährlich zieht am Fest des heiligen Priesters Valentin am 14. Februar ein langer Zug von Bauersleuten und neuerdings auch von anderen Berufsgruppen zu dem auf einem Wiesenhang oberhalb von Seis gelegenen Heiligtum. Zwar gehört die Kirche zur Urpfarre Kastelruth, doch verdient dieses wichtige Kunstwerk am Nordende der Siedlung eine Vorstellung und Würdigung in diesem Büchlein der Pfarre Seis.
Viele Sagen erzählen von alten Siedlungen und Städten auf der weiten Hochfäche unterm Schlern. Nach den alten Rätern kamen die Römer um 15/14 v. Chr. in unsere Gegend. Es könnte durchaus möglich sein, dass im Bereich der St.-Valentins-Kirche römische Siedler sesshaft geworden sind. Für die Flur Gschlier zwischen Telfen und Runker Eck sind urzeitliche Häuser bezeugt.

Um das Jahr 985 ist bereits Siusis in einer Urkunde genannt. Um 1244 wird bei einer Güterschenkung "auf einer zu Völs gehörigen Gegend bei der Burg auf dem Berg des hl. Valentin" die Kirche erwähnt. Vielleicht geht in jene Jahrzehnte noch der romanische Turm mit den zwei Reihen der gekuppelten Schallfenster zurück; gleiches gilt wohl auch für Teile des aufgehenden Mauerwerks. Die Zwiebelkuppel auf dem achteckigen Tambour des Turmes, die das Gotteshaus zu einem landschaftlichen Kleinod weitum machen, geht auf das Jahr 1811 zurück. Die Kirche war auch ein wichtiger Bezugspunkt für Grenzfestlegungen in alter Zeit, wie ein March-Kreuz auf der Begrenzungsmauer zeigt. Die Kirche ist heute Ziel nicht nur zahlreicher Beter und Bauern, sondern auch vieler Kunstfreunde. Es sind vor allem die herrlichen Wandgemälde an der Südseite, die seit fast 600 Jahren die Menschen beeindrucken. Eine thronende Muttergottes und die Anbetung der HI. Drei Könige, das Schweißtuch der hl. Veronika, eine Kreuzigungsgruppe und St. Valentin sind die Visitenkarte eines hochbegabten Bozner Meisters, der sich an Vorbildern aus Verona geschult hat.
Vom selben Künstler sind auch die schlecht erhaltenen Bilder im Inneren der Kirche, die dieser über den ersten Fresken von etwa 1360 angebracht hat (Christophorus und zwei Heilige), als die Kirche nach romanischer Gepflogenheit noch eine flache Holzdecke trug. Eine Kirchweihe ist für das Jahr 1353 bezeugt. Zur zweiten Malschicht (etwa 1390-1400) gehören auch die durch einen Türausbruch beschädigten Fresken an der Westseite unter der Vorhalle (Vertreter der vierzehn Nothelfer).
Bei der zwischen 1962 und 1972 erfolgten Aufdeckung der drei Malschichten im Inneren kamen auch Beispiele von Gemälden des so genannten Donaustils (um 1530) zum Vorschein, die Begebenheiten aus dem Neuen Testament und dem Leben Jesu zum Inhalt haben (Restaurierung 1983, Szenen aus dem Alten Bund).
Der Flügelaltar wurde auch von Dekan Alois Bamhackl bei der von ihm begonnenen "Restaurierung" der Kirche um 1868 aus verschiedenen Figuren zusammengestellt. In der Mitte des Schreines steht die Figur des Schmerzensmannes, der auf seine Herzwunde weist ("aus der Blut und Wasser beim Lanzenstich am Kreuze hervorgeflossen sind"). Dieser Typus des Heilandes findet sich oft auch in der Spitze von gotischen Monstranzen und kann als Vorstufe für Herz-Jesu-Bilder angesehn werden. Zu Seiten Jesu sind die beiden heiligen Valentin: der Priester aus Terni (14. Februar) und der Apostel von Rätien (Fest 7. Jänner, Kirchen am Brenner, in Greinwalden, Prettau und an anderen Orten). Der hl. Valentin von Rätien trägt als Attribut einen Totenschädel, er ist auch Patron für das Vieh und gegen die Epilepsie (wohl infolge der Lautgleichheit von fallen und Valentin).

Auf den Flügeln sind die hl. Genoveva und der hl. Leonhard als Relieffiguren zu sehen, als Gemälde an den Außenseiten die hl. Dorothea und Apollonia (Patronin gegen Zahnweh, deshalb mit Zange als Attribut). Die Ölberggruppe in der Predellanische wurde schon vor dem letzten Weltkrieg gestohlen. Gesprenge und Kasten sind neu angefertigt worden, wie in St.Vigil von Oswald Haslwanter aus Bozen (1868-1870). In dieser Kirche erinnern die Wappen an den Wandkonsolen wieder an die Stifter aus den Adelsfamilien der Wolkenstein und Zwingenstein (vgl. St. Vigil und St. Oswald). In der Kirche wurde auch ein spätgotischer Kelch von 1524 aufbewahrt.
Der Panoramablick von St.Valentin aus sucht seinesgleichen: Zu Füßen des Schlerns, des Wahrzeichens Südtirols, liegt das liebliche Dorf Seis, darüber im dunklen Forst von Hauenstein leuchtet die weiße Ruine der gleichnamigen Burg, die der Minnesänger Oswald von Wolkenstein (um 1377-1445) bewohnt hat. Bei Sanierungsarbeiten an der Ruine (1976-1979) wurden Freskoreste aus der Zeit um 1420 bis 1430 gefunden. Die Malereien im besten hochgotischen Stil könnten durchaus von Oswald in Auftrag gegeben worden sein.

Pfarrei Hl. Kreuz, Oswald von Wolkensteinplatz 8, 39040 Seis am Schlern (BZ), Tel.: +39 0471 706470, Fax: +39 0471 708550 E-Mail
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